8. Integrationsgipfel: Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft

Gesundheit ist ein hohes Gut und eine angemessene gesundheitliche Versorgung ein Menschenrecht. Alle müssen vom hohen Standard des Gesundheitswesen und der Pflege in Deutschland gleichermaßen profitieren können. Eine vorausschauende und nachhaltige Integrationspolitik beschäftigt sich mit dem Thema Gesundheit und Pflege, denn gerade hier zeigen sich kulturelle Unterschiede besonders ausgeprägt. Eine gute Gesundheitsversorgung, eine gute Pflege für alle gilt auch als Gradmesser für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für Inklusion. Niemand soll auf seine kulturelle Prägung verzichten müssen.

Das Gesundheitswesen in unserer Einwanderungsgesellschaft steht vor großen Herausforderungen: Schon heute leben mehr als 1,5 Millionen SeniorInnen mit Einwanderungsbiografien in unserem Land, die Zahl wird bis 2032 rasant ansteigen auf rund 3,5 Millionen. Über 5,6 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben seit 20 oder mehr Jahren in Deutschland und werden ihren Lebensabend hier verbringen. Die ins Rentenalter kommenden „GastarbeiterInnen“ der ersten Generation, neu hinzukommende Flüchtlingsfamilien, Fachkräfte aus aller Welt und hier geborene Kinder aus Einwandererfamilien - sie alle brauchen ein Gesundheitswesen, das interkulturell offen ist.

Die staatlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen sind groß

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoğuz, hat für 2015 das Thema „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“ in den Mittelpunkt ihrer Integrationspolitik gestellt. Unterstützt wird sie dabei vom Bundesgesundheitsministerium. Die Herausforderungen sind groß: Wie kann es uns gelingen, die sehr heterogenen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen anzusprechen? Was muss getan werden, um für alle eine gleichermaßen gute Pflege und Gesundheitsversorgung zu gewährleisten? Denn wir wissen, dass Menschen mit Migrationsbiografie nehmen die ihnen zustehenden Gesundheits- und Pflegeleistungen seltener in Anspruch. Des Weiteren gibt es noch Defizite bei der gesundheitlichen Versorgung.

„Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“ lautet entsprechend das Thema des 8. Integrationsgipfels im Bundeskanzleramt. Über 100 ExpertInnen, VertreterInnen von Bund, Ländern und Kommunen, von Fachverbänden, MigrantInnenselbstorganisationen, Ärzteverbänden, des Sports und der Kirchen diskutierten auf Einladung der Bundeskanzlerin über die Herausforderungen an unser Gesundheits-, Pflege- und Präventionswesen. Ich habe als Vertreterin der SPD-Bundestagsfraktion am 8. Integrationsgipfel teilgenommen.

Thematisch eingestimmt wurden die Teilnehmenden durch einen Film. Am Beispiel des SV Makkabi Brandenburg an der Havel wurde die Umsetzung des Projektes „Zugewandert und Geblieben - Sport für Ältere aus aller Welt“ des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vorgestellt. Der DOSB möchte mit dem Projekt „Zugewandert und Geblieben - Sport für Ältere aus aller Welt“ MigrantInnen ab einem Alter von 60 Jahren erreichen. Ziel ist es, diese Zielgruppe zu mehr Bewegung und körperlicher Aktivität zu motivieren. Ich finde ein gutes Beispiel ganz im Sinne des neuen Präventionsgesetzes.

Im Mittelpunkt des 8. Integrationsgipfels standen drei zentrale Themenfelder: die „Interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen“, „SeniorInnenpolitik und Altenpflege in der Einwanderungsgesellschaft“ sowie „Zugänge zur Gesundheitsprävention, Ernährung und Sport“.

Die gesundheitliche Versorgung von Flüchtlingen schafft Herausforderungen

Die politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die eingeschränkte gesundheitliche Versorgung nach §§ 4 und 6 Asylbewerberleistungsgesetz für geflüchtete Menschen machte auch vor dem Integrationsgipfel nicht halt. In seinem Impulsvortrag „Interkulturelle Öffnung im Gesundheitswesen bleibt eine Herausforderung“ machte Prof. Dr. med. Oliver Razum deutlich: „Alle Menschen erhalten gleichen Zugang zur gesundheitlichen Versorgung, und gleiche Chancen auf eine erfolgreiche Behandlung.“

Die Bundeskanzlerin erinnerte Razum daran, dass sie richtigerweise im Mai 2015 vor der Weltgesundheitsbehörde das Menschenrecht auf Gesundheit und gesundheitliche Versorgung für alle Menschen einforderte. „Aber dieses Recht muss auch in Deutschland für alle gelten“, erklärte der Dekan der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Er verwies darauf, dass der Zugang von Asylsuchenden zur Gesundheitsversorgung momentan eingeschränkt ist: Asylsuchende erhalten in den ersten 15 Monaten nur eine Akutversorgung. „Eine eingeschränkte Gesundheitsversorgung ist nicht nur ethisch bedenklich. Sie ist auch teuer als der reguläre Zugang, wie er in Bremen, Hamburg und demnächst in Nordrhein-Westfalen von Anfang an gewährt wird.“ Prof. Razum verwies nachdrücklich darauf, dass die Gesundheit von geflüchteten Menschen den Blick über den nationalen Tellerrand erfordert. „Das Recht auf Gesundheit und die Verantwortung für die Gesundheit anderer Menschen enden nicht an nationalen Grenzen - das ist ein weiterer Aspekt interkultureller Öffnung.“

An Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe und die MinisterInnen der Länder richtete er den Appell: „Wir brauchen jetzt eine Gesundheitskarte für Asylsuchende, die ohne Wartezeiten den Zugang zur Regelversorgung gewährleistet. Auch das ist interkulturelle Öffnung im Gesundheitsbereich!“

Ohne direkt auf den Beitrag einzugehen, charakterisierte der Gesundheitsminister das Gesundheitssystem als eine tragende Säule für die Integration von Flüchtlingen. In der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung werde wie in kaum einem anderen Bereich die verletzliche Seite von Menschen angesprochen. Je positiver die Erfahrungen in der Versorgung sind, desto eher trügen sie zur Integration bei. Gröhe plädierte dafür, dass sich Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen mehr mit interkulturellen Aspekten der Versorgung befassen müssen. Wichtig sei auch, dass ÄrztInnen mit Migrationshintergrund möglichst schnell in den deutschen Arbeitsmarkt integriert würden. Um ÄrztInnen mit Fremdsprachenkenntnissen zu finden, böten Berufsverbände und Kassenärztliche Vereinigungen bereits Suchportale an.

Mehr wissenschaftliche Studien sind notwendig

Einigkeit bestand darin, dass es noch zu wenige wissenschaftliche Studien gibt, die uns aufzeigen, an welchen Stellen die Teilhabe von Menschen mit Einwanderungsgeschichten an der medizinischen und pflegerischen Versorgung verbessert werden muss. Trotz erster Forschungen ist die Datenlage in Deutschland zum Thema Migration und Pflege die Datenlage recht lückenhaft. Dies belegt auch die im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration erstellte Expertise „Pflege- und Pflegeerwartungen in der Einwanderungsgesellschaft“ des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Weitere Erhebungen und Forschungen müssen folgen, um aufzuzeigen, wie es gelingen kann, MigrantInnen besser in die medizinische und pflegerische Versorgung einzubinden.

Menschen unterschiedlicher Herkunft haben zum Teil auch unterschiedliche Bedürfnisse

Derzeit gibt es bei der Gesundheitsversorgung und der Pflege von ZuwandererInnen noch erhebliche Defizite. So sind Pflegeeinrichtungen hierzulande kaum auf die zunehmende Zahl alter Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt. Laut der Studie wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund bis 2030 nahezu verdoppelt - von 258.000 im Jahr 2013 auf dann 481.000. In der Alten- und der Palliativpflege geht es um humanes Altern und Sterben. „Hier haben Menschen unterschiedlicher Herkunft zum Teil auch unterschiedliche Bedürfnisse“, erklärte die Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, Prof. Dr. Christine Langenfeld, in ihrem Impulsvortrag „Herausforderungen in der Pflege“. Sie verwies auf Ergebnisse aus dem SVR-Integrationsbarometer zu Pflegepräferenzen und -erwartungen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund. Diese sind im Policy-Brief „In Vielfalt altern - Pflege und Pflegepräferenzen im Einwanderungsland Deutschland" des SVR-Forschungsbereichs veröffentlicht.

Obwohl sich Wohlfahrtsverbände, Krankenhausträger und Ausbildungsstätten seit Jahren mit der Frage befassten, wie „kultursensibel“ gepflegt werden kann, fehlt es bislang an solchen Ansätzen. Der Untersuchung zufolge finden es ein Viertel der SpätaussiedlerInnen und die Hälfte der türkischstämmigen Menschen wichtig, dass die Pflegekraft die jeweilige Muttersprache spricht. Den meisten Befragten sind der kulturelle Hintergrund und auch die Religion der Pflegekraft dagegen eher unwichtig. Allerdings wünschen sich dreimal so viele Muslime eine Pflegekraft mit der gleichen Religionszugehörigkeit (27 Prozent) wie christliche Befragte (neun Prozent).

Gesundheit und Pflege muss kultursensibel, offen und mehrsprachig sein

Die Kultur, in der ein Mensch aufwächst, prägt seine Identität sowie sein Gesundheits- und Krankheitsverständnis. Die Kenntnis darüber ermöglicht eine bessere Verständigung. Gefordert wird eine zielgruppengenaue Ansprache, damit alle Menschen von den Leistungen unseres Gesundheitswesens profitieren können. Dazu gehört, dass der Ausbau und die Verbesserung der Sprachmittlung, um von Anfang an Missverständnisse zwischen der PatientIn und der ÄrztIn zu vermeiden.

Generell steht und fällt eine gute Gesundheitsversorgung in der deutschen Einwanderungsgesellschaft mit der interkulturellen Öffnung von Krankenhäusern, Arztpraxen und Beratungsstellen. Gerade in der Pflege sind Kultursensibilität und Mehrsprachigkeit des Personals wichtig. Und das nicht nur, weil Demenz in der ersten Generation der EinwandererInnen zum Verlust der deutschen Sprachkenntnisse führen kann, erläuterte Aydan Özoğuz, die auch Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion und stellvertretende SPD-Parteivorsitzende ist.  

Niemand darf wegen sozialer, kultureller oder religiöser Gründe benachteiligt werden. Gerade in der Altenpflege sind Kultursensibilität und Mehrsprachigkeit der Beschäftigten wichtig. „Für mich gehört hier dazu, dass mehr junge Menschen mit Einwanderungsgeschichten in die Pflegeberufe gehen und dass die Anerkennung ausländischer Abschlüsse weiter verbessert wird“ betonte Özoğuz. Dies deckt den immensen Bedarf an Pflegekräften aber nicht ab. Zusätzlich ist mehr Einwanderung von Pflegekräften nach Deutschland notwendig.

Mehr Gender in die Pflege

Für eine gute Pflege muss neben der Herkunft auch das Geschlecht einbezogen werden. Deswegen ist eine intensivere Diskussion zu „Gender in der kultursensiblen Pflege“ unabdingbar, forderten Vertreterinnen von Migrantinnenselbstorganisationen.  

Partizipation der Migrantenselbstorganisation bei Gesundheit und Pflege bedeutsam 

Auf dem 8. Integrationsgipfel haben VertreterInnen bundesweite MigrantInnenorganisationen ihr Positionspapier „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft - Stellungnahme und Handlungsempfehlungen der Migrantenselbstorganisationen zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und Flüchtlingen" vorgestellt. In ihrer Stellungnahme geben sie wichtige Impulse zur gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und von Flüchtlingen. Gefordert wird unter anderem eine bessere Vernetzung von Bund, Ländern, Kommunen und Gesundheitsinstitutionen mit den Selbstorganisationen von MigrantInnen. Diese müssten auch mehr in die Aufgabenverteilung und Förderpraxis eingebunden werden.

In der Diskussion blieb es nicht bei der gesundheitlichen Prävention. So kritisierte Ali Toprak, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e.V., dass Integration derzeit vor allem als Präventionsmaßnahme zur Terrorismusbekämpfung diskutiert werde. Die ImmigrantInnenverbände würden bei der Gestaltung der Flüchtlingspolitik viel zu wenig einbezogen.

MiMi: Gesundheitsprävention ist für alle wichtig

Die Förderung einer gesunden Lebensweise ist für alle Menschen wichtig. Daher stellt Gesundheitsförderung ein wichtiges Handlungsfeld für die Integration und Teilhabe dar. Darauf verwies Ramazan Salman, Geschäftsführer des Ethno- Medizinischen Zentrums e.V. (EMZ) in Hannover. Es gehe grundsätzlich darum, „gemeinsam den Zugang zu mehr Gesundheit zu schaffen“.

Er stellte das EMZ-Projekt "MiMi - Gesundheit mit Migranten für Migranten in Europa" vor. Beim Projekt MiMi werden MigrantInnen mit Hilfe von mehrsprachigen GesundheitslotsInnen über das Gesundheitswesen informiert und gesunde Lebensweisen, Integration und Teilhabe gefördert. Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation ist der interkulturelle Ansatz von MiMi von besonderer Bedeutung. Ziel ist die nachhaltige und soziale Implementierung von gesundheitsfördernden Integrations- und Inklusionsmaßnahmen in zahlreichen Handlungsfeldern interkultureller Gesundheit: zum Beispiel in der interkulturellen Prävention, bei Impfinitiativen, Diabetes, transkulturelle Psychiatrie, Suchtprävention, im betrieblichen Gesundheitsmanagement, in der Rehabilitationsmedizin. MiMi betreut an rund 60 Standorten in Deutschland interkulturelle Gesundheitsnetzwerke, erforscht gesundheitliche Barrieren und Versorgungslagen von MigrantInnen, entwickelt zahlreiche Maßnahmen zur Gesundheit von MigrantInnen. MiMi wird nicht nur von deutschen Landesregierungen, sondern auch von der Europäischen Union, der Weltgesundheitsbehörde und der Gesundheitswirtschaft unterstützt.

MiMi ist die größte Gesundheitskampagne für MigrantInnen in Europa und wurde im Oktober 2015 mit dem renommierten European Health Award als bestes europäisches Gesundheitsprojekt ausgezeichnet. Der European Health Award honoriert grenzüberschreitende Projekte, die zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitswesens in Europa beitragen, sich um die Entwicklung von nachhaltigen, innovativen und übertragbaren Konzepten verdient gemacht haben und aktuelle Herausforderungen wie Ungleichheiten des Gesundheitsstatus, Zugang zu Gesundheit- und Vorsorgeleistungen oder Verbesserung von Behandlungsmöglichkeiten erfolgreich und pragmatisch angehen.

Das Fazit: ZuwandererInnen müssen einen besseren Zugang zum Gesundheitssystem erhalten

Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte die gleiche Teilhabe am Gesundheitssystem für alle. Das Grundgesetz garantiere eine Teilhabe auch für ZuwandererInnen. Es sei notwendig, dass diese ihre Rechte kennen. Manches sei bereits in Gang gekommen. „Aber es bleibt noch viel zu tun.“

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Redetext Razum Integrationsgipfel 171115.pdf231.51 KB