ERINNERUNG BRAUCHT EINEN ORT!: Erinnerungs-, Gedenk-, und Mahnarbeit von Kindern und Jugendlichen

Erinnerungs-, Gedenk-, und Mahnarbeit von Kindern und Jugendlichen

Mit den Worten „Wir alle sind Zeitzeugen“ sprach die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert am 29. Januar 2017 die zahlreichen jungen und älteren Gäste in ihrer Begrüßungsrede an, die sich zur Gedenkveranstaltung „Erinnerung braucht einen Ort“ im Jugendfreizeithaus Bungalow in Berlin-Mariendorf eingefunden hatten. Zwei Tage nach dem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ wurde den Millionen Opfern und Ermordeten des NS-Unrechtregimes gedacht.

Mit Bedacht wurde das Jugendfreizeithaus (JFH) Bungalow als würdiger Ort der diesjährigen Erinnerungs-, Gedenk-, und Mahnveranstaltung gewählt. Am Mariendorfer Damm, unmittelbar neben dem beliebten Mariendorfer Volkspark gelegen, ist das Gebäude in seiner über einhundertjährigen Geschichte schon immer ein Platz gewesen, wo Menschen sich begegneten. Einst als Ausflugsrestaurant Blümel's Restaurant bekannt, lassen die historischen Außenmauern und Innenräume ahnen, welches lebhafte Treiben damals dort herrschte. Heute bietet das Haus als Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg Kindern und Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten, ihren Interessen nachzugehen. Ausgebildete Erzieher/innen sind immer für die Jugendlichen da, auch für Gespräche in verschiedenen Lebenssituationen. Hier wird Sport getrieben, Musik gemacht, gespielt und der Kreativität freien Lauf gelassen. 

In Mariendorf tragen Jugendliche zur Erinnerungskultur bei 

Im JFH Bungalow beschäftigen sich Jugendliche vom Club der Mariendorfer 42, kurz CdM 42, einem Zusammenschluss von Kids der evangelischen Jugend, der Kinder- und Jugendeinrichtung KiJuM und dem JFH Bungalow, seit 2005 mit den Themen 'Toleranz und Akzeptanz' und 'Demokratie und Mitbestimmung' und beteiligen sich maßgeblich an den U18-Wahlen im Bezirk. Schon seit 2009 finden Projekte zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, z.B. zum Thema: 'Mariendorfer Kinder und Jugendliche in der NS- und Nachkriegszeit'. Zusammen mit Dipl. Päd. Petra Steinborn begaben sich die CdM 42-Jugendlichen auf Spurensuche. Sie besuchten das Frauen-KZ-Ravensbrück zusammen mit einer korsischen Schulklasse, informierten sich beim Besuch des ehemaligen Nazi-Seebades (NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude-KdF), suchten das Stelen-Denkmal für die ermordeten Juden Europas (sogenanntes Holocaust-Mahnmal) und das Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ auf. Überall vertieften sie ihre Erkenntnis über die menschenverachtenden Verbrechen der Nazi-Zeit und entwickelten ihren eigenen Ansatz zu einer Erinnerungskultur, die gedenkt - aber auch für das Heute mahnt. Die Beschäftigung und das Wissen um die barbarischen Geschehen im Nationalsozialismus zeigen auf, wohin gruppenbezogene Menschenverachtung, wohin Ausgrenzung, Gewalt und vorurteilsbezogene Feindbilder führen.

Die Präsentation der Berichte und gemachten Erfahrungen durch die Jugendlichen ließ uns alle an ihrer Art der Erinnerungskultur teilnehmen. So wurde auf Stelltafeln die intensive Erinnerungsarbeit des CdM 42-Teams zu den Themen 'Jugend im NS-Regime' dargestellt. Anhand eines meterlangen aufgemalten Deportationszug konnten die menschenverachtenden Maßnahmen der Nazis in beeindruckender Weise nachvollzogen werden.

Die unmittelbaren Zeitzeugen, die ihr Leid(en) als Opfer der NS-Herrschaft noch selber erzählen können, werden weniger. Umso wichtiger ist es, dass die Jugend es als ihren Auftrag annimmt, die Schrecken der Nazi-Zeit zu begreifen und zu analysieren, um sie als Warnung an alle in Gegenwart und Zukunft weiter zu geben. Diese, die Demokratie stärkende Aufgabe, wird im Jugendfreizeithaus Bungalow vorbildlich geleistet.

Musikalisch bereichert wurde die Veranstaltung durch "Grup Canlar" unter Leitung von Hüseyin Yoldaş, die alevitische, armenische, griechische und hebräische Lieder vortrugen.

Friedrich Küter, Sozialdemokrat, Nazi-Opfer

In ihrer diesjährigen Gedenkansprache stellte die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert das Schicksal dieses aufrechten Sozialdemokraten in den Mittelpunkt. Am 23. November 1920 wurde Friedrich Küter in freier Wahl zum ersten Bezirksverordnetenvorsteher des neugegründeten Berliner Bezirks Tempelhof gewählt. Als unbesoldeter Stadtrat führte er, neben seinem hauptberuflichen Amt als Oberinspektor im Bezirksamt Kreuzberg bis 1925 das Tempelhofer Stadtratsamt für Bauwesen und Gartenbau. Er wollte den werktätigen Mariendorfer*innen eine Freizeit- und Erholungsstätte schaffen und forcierte ab 1922 leidenschaftlich und unermüdlich die Parkplanungen und erreichte es, dass der Berliner Magistrat das erforderliche Geld zum Bau des Volks- und Sportparks bewilligte.

Die aufwendigen Arbeiten dazu wurden als Notstandsprogramm durchgeführt, die Kosten betrugen rund eineinhalb Millionen Reichsmark. 5000 Arbeiter waren mit der Erstellung dieses Naturparks beschäftigt. Im Juni 1931 wurde der Park mit seinen Wasserflächen, Rosen- und Staudtengärten, Rodelberg und Sportflächen eingeweiht und der jubelnden Öffentlichkeit übergeben. Bis heute wird Friedrich Küter als Initiator und Vater des Volksparks geehrt.

1933 traf Küter das Schicksal vieler seiner aufrechten SPD-Genossen. Er verlor sein politisches Mandat. Für ihn wurde ein von den Nationalsozialisten benannter Staatskommissar als Stadtrat für Tempelhof eingesetzt. 1944 folgte die Verhaftung. Seinen 65. Geburtstag musste Küter im Polizeipräsidium am Alexanderplatz verbringen. Kaum freigelassen, wurde er durch eine Denunziation in das KZ Sachsenhausen ohne Angabe von Gründen verschleppt und ohne Verfahren in 'Schutzhaft' genommen. Als Anfang 1945 das KZ Sachsenhausen aufgelöst wurde, schickten die Nazis die Gefangenen auf Todesmärsche oder deportierten sie in das KZ Bergen-Belsen. Hier verliert sich die Spur des aufrechten, aktiven Sozialdemokraten und Kommunalpolitikers Friedrich Küter. Auch er, wie so viele andere, wurde Opfer der furchtbaren Nazi-Gewaltherrschaft.

Die Ehrungen für Friedrich Küter sind vielfältig. 1951 ehrte ihn das Bezirksamt Tempelhof mit einem Gedenkstein im Mariendorfer Volkspark. 1953 wurde die Straße 59 in Mariendorf in Friedrich-Küter-Straße umbenannt. Das Haus Strelitzstraße 15, Sitz des regionalen Dienstes des Jugendamtes Tempelhof-Schöneberg trägt seinen Namen.

Der gemeinsame Gang aller Veranstaltungsgäste zur Gedenktafel von Friedrich Küter war der Abschluss der Gedenkfeier. Vor dem Wohnhaus Küters in Alt-Mariendorf 53 sprach die Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert Gedenkworte für alle Opfergruppen des Nazi-Regimes. Nach einer Schweigeminute wurden Rosen und ein Blumengebinde unter der Gedenktafel niedergelegt.

Der Text der Gedenktafel lautet:

Hier wohnte seit 1912

FRIEDRICH KÜTER

19.5.1879 – 1945

Tempelhofer Kommunalpolitiker der USPD bzw. SPD

Erster Vorsteher der Tempelhofer Bezirksversammlung (1920)

Verwirklichte als Bezirksstadtrat

den Volkspark Mariendorf (1931)

1933 entlassen, seit Mai 1944 im KZ Sachsenhausen

1945 verschollen

 

 

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170127 Begrüßung Holocaustgedenktag.pdf686.48 KB
170127a Holocaustgedenktag Biografie Küter .pdf1.18 MB
170127b Gedenkrede vor dem Wohnhaus Friedrich Küters .pdf495.23 KB