Holocaust-Gedenktag 2016: Erinnerung braucht einen Ort!

Gudrun Blankenburg, Stadtführerin und Autorin

Aktives Erinnern, Gedenken und Mahnen an die Verfolgung und Verbrechen durch das Nazi-Regime hat seit Jahrzehnten ein festes Zuhause im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Für die Öffentlichkeit durchzieht den Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg der Bundestagsabgeordneten Mechthild Rawert ein Netz vielfältigster Formen der Erinnerungskultur. Von der Dauerausstellung 'Wir waren Nachbarn' im Rathaus Schöneberg, über Stolpersteine, Gedenktafeln, Erinnerungsorte für die ZwangsarbeiterInnen bis hin zu dem von SchülerInnen der 6. Klassen errichteten Ziegelsteinmauer DENK - MAL! an jüdische MitbürgerInnen der Löcknitz-Grundschule und dem Flächendenkmal 'Orte des Erinnerns' im Bayerischen Viertel ist hier die Erinnerungskultur ausgeprägt und unübersehbar.

Kirche als Heimat

Anlässlich des Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2016 hatte die Friedenauer Philippus-Kirche der Evangelischen Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde in der Stierstraße ihre Türen am Sonntag, 31. Januar 2016 für die jährliche Veranstaltung 'Erinnerung braucht einen Ort'  von Mechthild Rawert weit geöffnet.

In seiner herzlichen Begrüßung betonte Pfarrer Paul Klaß die offene Kirche als Heimat für Pluralität und Menschenwürde. Das Bibelwort 'Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen' wird in seiner Gemeinde gelebt, zusammen mit der eritreischen Community in Berlin und Brandenburg. Ca. 300 geflüchtete Menschen aus dem Kriegsgebiet Eritrea haben in der Philippus-Kirche ihren religiösen Heimatort gefunden.

Darüber hinaus ist die Kirche in der Stierstraße auch eingebundener Nachbarschaftsort für die Aktivitäten der Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße. Von den 57 Stolpersteinen, die bis jetzt in der Stierstraße verlegt worden sind, zeugt jeder einzelne von der intensiven Recherche- und Gedenkarbeit, die die Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße über Jahre hinweg bis jetzt geleistet hat.

„Wir schämen uns für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“

In ihrer Begrüßungsansprache betonte Mechthild Rawert, dass die Shoa Teil der deutschen Identität für alle in Deutschland Lebenden ist. Seit 1996 findet anlässlich des Holocaust-Gedenktages auch eine Gedenkfeier im Deutschen Bundestag statt. Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert erinnerte „all der ermordeten Juden Europas, der Sinti und Roma, der kranken und behinderten Menschen, der Homosexuellen und all derer, denen ihr Recht auf Leben abgesprochen wurde, der Gequälten und Ermordeten.“ Er gedachte auch jener, die Widerstand leisteten, die ihr Leben als Andersdenkende verloren, gedachte der ungezählten zivilen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in ganz Europa. Seine Mahnung: Wachsam gegenüber Unmenschlichkeit zu bleiben und sich aktiv gegen Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu stellen.

Die diesjährige Gastrednerin war die heute 84-jährige US-amerikanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ruth Klüger. Die gebürtige Wienerin wurde mit zwölf Jahren im Arbeitslager Christianstadt in der ostbrandenburgischen Niederlausitz (heute Polen) zur Zwangsarbeit herangezogen. Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Pflegeschwester gelang ihr auf einem der „Todesmärsche“ gegen Kriegsende die Flucht. Ihr Vater, ein jüdischer Frauenarzt, wurde in Auschwitz ermordet.

Gedenken durch die Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße in Friedenau

In bewegenden Worten stellten Angelika Hermes und Petra Fritsche, stellvertretend für die Initiativgruppe, drei Schicksale von Verfolgten der Nazi-Gewaltherrschaft dar. Verstärkt durch das Zitieren persönlicher Briefe und Dokumente erstand vor den über 100 BesucherInnen im Kirchenschiff das Schicksal der jüdischen Familie Nathan und Nechuma Kerz, die 1926 mit ihrer Tochter Charlotte in der Stierstraße 4 lebten. Durch Flucht getrennt, starb der Vater 1943 im Exil, während seine Frau und Tochter nach Sobibor deportiert und ermordet wurden.

Zur Verlegung der Stolpersteine für die Familie Kerz kamen Angehörige aus New York. Das Zitat aus ihrem Dankesbrief „… Die Seelen dieser unschuldigen Opfer werden mit den Stolpersteinen, die auf den Schrecken des Krieges hinweisen, weiter leben...“ steht für die hohe Bedeutung aller Stolpersteine.

Ebenfalls in der Stierstraße 4, wo heute ein Stolperstein für ihn liegt, lebte der Regimekritiker und Gegner der NSDAP Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons mit seiner Familie. Dreimal wurde die Familie von SS-Männern in ihrer Wohnung überfallen. Der Vater wurde in 'Schutzhaft' genommen und bestialisch ermordet. Der Enkel Dirk von Nayhauß schrieb später, dass die Nazis den Mord als 'Betriebsunfall', als einen Übergriff untergeordneter Behörden, bezeichnet hatten.

Der Schriftwechsel der Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße mit dem Zeitzeugen Henry Kuttner war der Auslöser für die Verlegung der ersten Berliner Stolperschwelle vor dem Haus Stierstraße 21. Mit seinen persönlichen Erinnerungen hatte Henry Kuttner den Anstoß dazu gegeben: „ ...Ich ging in den Jahren 1935-38 jedes Jahr zum Simchat-Tora-Fest Gottesdienst mit meinen Eltern in die kleine Synagoge in der Stierstraße.“ Bis 1938 versammelte sich dort in einer zum Betsaal umgebauten Privatwohnung der Jüdische Religionsverein Friedenau-Steglitz zum Gottesdienst. Die kleine Synagoge beherbergte auch eine Bibliothek, einen Hort, Volksküche und Wohlfahrtsraum. Auf die Anfrage von Henry Kuttner nach einem Stolperstein wurde vor dem Haus 2013 die Stolperschwelle verlegt.

Musik als Sprache ohne Grenzen

An die bewegende Darstellung dieser drei Verfolgten-Schicksale schloss sich die musikalische Darbietung der Gruppe unter Leitung von Hüseyin Yoldas von Gangway e.V. an. Dieser Verein betreibt seit 25 Jahren Straßensozialarbeit in Berlin, an öffentlichen Plätzen und Orten, wo sich Jugendliche treffen. Musik als Sprache ohne Grenzen, vorgetragen von jungen Männern, berührte die Gäste der Veranstaltung sehr und wurde noch verstärkt durch die lebhafte Rede von Hüseyin Yoldas. Er schilderte die beeindruckende und unvergessliche Begegnung von Jugendlichen während eines Besuchs des Konzentrationslagers Birkenau. Daraus entwickelte sich die internationale Begegnung CROSSMUSIC mit Jugendlichen aus Tempelhof-Schöneberg) mit Jugendlichen der bezirklichen Partnerstädte Mersin (Türkei) und Nahariya (Israel), die in der Türkei stattfand. Begegnung schafft Freundschaft, so das Fazit.

Die Aufnahme von Geflüchteten ist beste Menschenpflicht

In ihrer Ansprache 'Flucht und Vertreibung' hob Mechthild Rawert hervor, dass es kein Nachlassen geben darf im Kampf gegen den immer noch bestehenden Antisemitismus, gegen den Terror, gegen Fremdenfeindlichkeit und anti-muslimischen Rassismus. „Diese Haltung ist die Lehre, die wir aus der Geschichte ziehen“. Mechthild Rawert erinnerte auch an das Schicksal der vielen jüdischen 'Kofferkinder', die ab 1938 von anderen europäischen Ländern aufgenommen wurden und so der nationalsozialistischen Verfolgung entgingen und überleben konnten. Sie betonte, dass die Aufnahme von Verfolgten beste Menschenpflicht ist. Rosa Luxemburg, Eduard Bernstein, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Berlins Regierender Bürgermeister in der Nachkriegszeit Ernst Reuter waren alle in höchster Not vor Verhaftung von Zufluchtsländern aufgenommen worden.

Sehr klar sprach Mechthild Rawert aus, dass auch für die neu ankommenden Menschen unsere Nachbarschaft offen steht, auch im Rathaus Friedenau, wo demnächst eine Flüchtlingsunterkunft entsteht. „Seien wir eine wehrhafte Demokratie. Wir wollen für jede und jeden Einzelnen Freiheit - auch die Freiheit, angstfrei leben zu können. Wir wollen ein buntes Deutschland, in dem jede Bürgerin, jeder Bürger gleiche Rechte und Chancen hat.“

Gedenkrede und Schweigeminute an der Stolpersteinschwelle in der Stierstraße 21

Die Stolpersteinschwelle in der Stierstraße 21 erinnert an einen jüdischen Betraum, der 1938 von den Nazis geschlossen wurde. Nach dem gesprochenen Gedenken an die millionenfachen Opfer des Nationalsozialismus von Mechthild Rawert wurden Rosen niedergelegt und eine ergreifende Schweigeminute abgehalten.

Austausch und Begegnung

Viele Gäste wollten noch nicht gehen, sondern sich nach der Veranstaltung gegenseitig austauschen, bedanken und mit Mechthild Rawert und Pfarrer Klaß ins Gespräch kommen. Auch für diese Art von Begegnung bot das Foyer der Philippus-Kirche einen wunderbaren Raum, wofür der Kirche und der evangelischen Philippus-Nathanael-Kirchengemeinde ein großer Dank gebührt.

AnhangGröße
Begrüßung Mechthild Rawert Erinnerung braucht einen Ort.pdf114.36 KB
Ansprache Mechthild Rawert Flucht und Vertreibung.pdf111.61 KB
Ansprache Mechthild Rawert Stolperschwelle.pdf177.58 KB